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Esthers Koffer

Lien, 21 Jahre, stammt aus München. Ihre Großeltern und Urgroßeltern waren alle Überlebende des Holocaust oder wurden ermordet. Lien erzählt die Geschichte ihrer Urgroßmutter welche auf Grund ihrer jüdischen Herkunft 1936 gezwungen waren, aus Berlin zu fliehen, um ihr Leben zu retten.

5. October 1935

 

Liebste Mama,

 

nach der schwierigen Entscheidung, nicht zu euch nach Polen zu kommen, sondern meinen Geschwistern zu folgen, bin ich nun hier auf See.

Obwohl ich traurig bin, nicht bei euch zu sein, bin ich froh, diesem Wahnsinn in Berlin zu entkommen.

Ich musste mich erst einmal sammeln, denn am letzten Abend vor meiner Abreise bin ich nach nebenan zu meiner Freundin Anna gegangen, damit ich dort in Sicherheit die Nacht bleiben kann. Das hatte sie mir versprochen. Zu meinem Entsetzen hat sie mir nicht einmal mehr die Tür geöffnet. Mama, ich war so erschrocken und hatte große Angst. Ich hatte keine andere Wahl, ich musste die Nacht auf der Parkbank verbringen. Glaub mir, ich habe kaum ein Auge zugetan. Jedes Licht und jedes Geräusch erinnerte mich daran, was geschehen würde, wenn mich jemand entdeckt.

Zum Glück schaffte ich es am nächsten Morgen auf das Schiff. Ich war so unendlich traurig, dass sogar meine beste Freundin Anna mir den Rücken zugewandt hatte. Das hat mir wirklich gezeigt, dass ich sofort weg muss aus Deutschland und dass ich um mein Lebe laufe.

Sorge Dich nicht liebe Mama, ich bin jetzt in Sicherheit wohlauf.

Ich hoffe, dass es dir in Kalisz gut geht und ich vermisse euch drei so sehr! Lass uns beten, dass bessere Tage auf uns zukommen.

Ich kann es kaum erwarten, von dir zu hören.

Ich liebe Dich,

Deine Esther

19 Februar 1936

Liebste Mama,

Ich habe die lange Reise hierher nun gut überstanden und bin jetzt sicher in Palästina angekommen. Zuerst wurde in ein Kibbutz gebracht. Es war wirklich nichts für mich. Stell dir vor dort haben sie mir als erstes meine ganze Kleidung weggenommen und sie dann an andere verteilt. Die Arbeit im Kibbutz war so schwer und es gibt schrecklich viele Mücken hier, deshalb haben viele Fieber bekommen. Hab keine Angst um mich liebste Mama, denn ich bin nicht mehr dort. Sobald ich konnte bin ich mit dem Bus nach Tel Aviv gefahren. Ich habe eine bleibe gefunden mit zwei anderen Mädchen aus Berlin und sie helfen mir jetzt eine Arbeit zu finden.

Einerseits muss ich mich wirklich glücklich schätzen, daß ich es aus Deutschland geschafft habe, das ich immer als meine liebste Heimat betrachtet habe. Andererseits kann ich nicht in Worte fassen, wie verletzt ich bin von dem, was uns Deutschland antut und was auf den Straßen Berlins passiert und wie sich einstige Freunde jetzt gegen mich gewendet haben. Alle anderen Menschen, die ich hier spreche berichten das Gleiche. Alle sind erschüttert und haben große Angst um ihre Familien.

Ich vermisse euch so sehr! Pass gut auf dich auf und lass hoffen, daß bessere Tage vor uns liegen.

Mama bitte schreibe mir bald!

Deine dich liebende Tochter Esther

Liebste Mama,

Ich sitze an meinem Tisch, den ich mir aus einer Orangenkiste zusammengebastelt habe und habe einen Moment gefunden dir zu schreiben. Mein Zimmer teile ich mit einem anderen Mädchen. Ich habe eine Arbeit als Bedienung in einem Restaurant gefunden und sie arbeitet in einer Fabrik in der Nacht also wechseln wir uns mit unserem Schlafplatz immer ab. Seit ich im Restaurant arbeite habe ich kein hunger mehr. Es ist zwar nicht leicht sich an diese Hitze, Feuchtigkeit und den Mücken zu gewöhnen, aber es könnte schlimmer sein, hab ich nicht recht? Ich bin am Leben und das zählt. Wo sind die schönen Tage in Berlin? Ich habe so schrecklich Angst um euch, man hört schreckliches aus Europa! Bitte bleibt nicht dort. Ich glaube allen Juden droht sehr große Gefahr. Bitte versucht zu kommen! Bitte bitte schreibe mir gleich und oft,

Ich liebe Dich

Esther

Esthers Eltern und ihre kleine Schwester wurden nach Auschwitz deportiert und vergast

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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